man ist so voll humaner Wärme,
doch ewig stört uns das Gelärme,
das Grunzen, Blärren und Gegirre
der musikalischen Geschirre,
die eine Schar im schwarzen Fracke
mit krummem Finger, voller Backe,
von Meister Zappelmann gehetzt,
hartnäckig in Bewegung setzt. –
So kommt die rechte Unterhaltung,
nur ungenügend zur Entfaltung. 

Aber wir wollen es dennoch tatkräftig versuchen, liebes Publikum! Ich begrüße Sie deshalb alle sehr herzlich und setze die Unterhaltung zunächst noch ganz ohne Noten fort. Auch wenn der Dichter uns des weiteren eindringlich davor warnt,
daß gerade, wenn man nichts versteht,
der Schnabel um so leichter geht,
so sollte unser Ehrgeiz heute gleichwohl dahin zielen,
durch Reden bald und bald durch Lauschen,
die Seelen säuselnd auszutauschen. 

Um das zu gewährleisten und um gleichzeitig Ihre Erwartungshaltung zu durchkreuzen, möchte ich mich, bevor wir später ernst werden, hier zunächst der heiteren „Loriot“-Diktion bedienen. Ich glaube, der passionierte Musikliebhaber würde sich nämlich an meiner Stelle aller Festrhetorik enthalten und Sie so ansprechen:

Meine Damen und Herren,

wir sind alle Zeugen eines Phänomens. Das, was uns noch vor kurzem fesselte – die deutsch-amerikanischen Beziehungen etwa, eine Scheidung im Freundeskreis, das drohende Ende der Menschheit oder Ähnliches –, es hat alles an Glanz verloren oder erscheint doch seltsam blaß vor dem Hintergrund eines Ereignisses, das plötzlich und unerwartet eingetroffen ist: Unsere Stadt besitzt nun die neue „Musikbad Pyrmont Kulturstiftung“, die zu vertreten ich die Ehre habe; eine Einrichtung, die zwischen Holzhausen und Löwensen nicht ihresgleichen hat und der sich alsbald mit „Schirm“, Charme und Musik auch die Staatsoper Hannover zugesellte. 

Bevor ich jedoch in das gemeinsame Frohlocken einstimme, möchte ich mit allem gebotenen Ernst auf einen Umstand hinweisen, der geeignet sein könnte, den Festakt zu belasten:

Ich bin – ich muß das hier einmal in aller Offenheit sagen – in Pyrmont ansässig, aber das erst seit 34 Jahren. Es erhebt sich somit die Frage, ob ein Ortsfremder mit unsteter Wohnweise, ein Tourist also, im Rahmen einer so extrem bodenständigen Feierstunde, wie es die Errichtung einer solchen Stiftung nun einmal ist, das Wort überhaupt ergreifen sollte. Auch wenn ich durch die Gnade meiner nördlichen Geburt die Landssprache leidlich beherrsche, bin ich doch auf Ihr Wohlwollen gegenüber Auswärtigen angewiesen. 

Andererseits habe ich die große Freude, Ihnen zugleich Grüße zu übermitteln von den Staatlichen Konservatorien  in Gifhorn und Seesen, der Ostfriesischen Akademie für Sozialrhythmik und dem Interessenverband Niedersächsisches Liedgut. 

Der Leiter des Referats für kulturelle Angelegenheiten auf Bundesebene und stellvertretende Kulturbeauftragte des Rahmenausschusses der Sonderbereiche Kunst und Kommunikation und Kunst und kulturelle Koordination zur Aktivierung  und Optimierung der Bundesmodelle für musikalische Investitionsprogramme sowie der persönliche Referent der Abteilung kulturelle Öffentlichkeitsarbeit des Herrn Bundeskanzlers sowie des Arbeitkreises Musikkultur im Informationsstab des Herrn Bundespräsidenten lassen sich heute  leider entschuldigen. Unter uns gesagt: Das ist auch gut so! 

Bad Pyrmont ist – wie Sie ja wissen – seit Jahrhunderten für seinen unfehlbaren Bläserduktus in gleichsam schwebender Transparenz vor dem samtenen Glanz der Streicher berühmt. Man kann mit Fug und Recht behaupten, daß unser Bad schon immer ein Zentrum geradezu vorbildlicher Klangkörperpflege war. Um es mit einem vielzitierten Wort von Adorno zu sagen: Jaja, die Musik. Kürzer, präziser ist das bestimmt nie analysiert worden, meine Damen und Herren. 

Vergleichen Sie dagegen nur die Aussage in der jüngsten Konzertkritik, wo man in unserer Tagespresse lesen mußte: „Der Mezzo-piano-Beginn des langsamen Haydn-Largos erklang wunderschön zart, während der Gesamteindruck zu weichlich geriet.“ Ähnliches formulierte der GMD Schmidt-Gertenbach erst kürzlich im „Steigenberger“ beim Verzehr einer geräucherten Entenbrust ... wobei hier allerdings die Einnahme eines leichten Bordeaux, der in Achteltriolen gereicht wurde, den Gesamteindruck spürbar verbesserte. 

In diesem Zusammenhang darf ich das Publikum auf eine bestürzende Tatsache hinweisen, die dem verehrten Bürgermeister bekannt sein dürfte: Laut amtlichen Telefonbuch der Jahre 2003/04 leben zur Zeit, mehr oder minder verborgen in den Mauern dieser Stadt und vermutlich über Partituren gebeugt:

24 Personen mit Namen Wagner,
21         ,,                       Weber,
16         ,,                       Henze,
  8         ,,                       Schumann,
  3         ,,                       Schubert. 

Meine Damen und Herren, ich brauche Ihnen nicht zu sagen, welch einmalige Chance von nicht zu unterschätzender Bedeutung sich hier für uns bietet, konkurrierende Bäderstädte ein für allemal in ihre Schranken zu weisen. Nur ein gewisser Bach scheint über seinen engen mitteldeutschen Raum nicht hinausgewachsen zu sein, denn er hat hier namentlich keine Spuren hinterlassen. 

Obwohl mir auf Anhieb kein Instrument einfällt, daß sich von mir freiwillig spielen ließe, ist es doch die Musik, die mir von allen Künsten am nächsten steht. So bot mir nur die häusliche Stereo-Truhe die Möglichkeit, am instrumentalen Musikleben teilzunehmen. Den meisten von Ihnen mag das Schicksal ebenso mitgespielt haben. 

Leider gibt die technische Entwicklung der musikalischen Tonträger aber inzwischen zu ernster Besorgnis Anlaß. Die Abspielgeräte von heute erlauben dem Menschen keine wirkliche künstlerische Mitarbeit. Lediglich ein paar Knöpfe dürfen gedrückt oder gedreht werden. Mitunter bedarf es dazu – neben einem abgeschlossenen technischen Hochschulstudium – auch den Augen eines Falken zwecks Wahrnehmung winziger Ziffern und Zeichen und sensibelster Fingerkuppen zum Aufspüren unsichtbarer Drucktasten. 

Gewiß hat diese Eigenschaft jedes zehnjährige Kind. Aber wer besitzt schon ein zehnjähriges Kind? Kurzum, die Fernbedienung verbietet den handgreiflichen Kontakt mit dem Klangkörper. Eine unwürdige Art an Beethovens späten Streichquartetten mitzuwirken. Man wird aufs reine Hören reduziert. Ein beschämender Vorgang. 

Sie haben sich hier zurecht im Protest vereint, um über das bloße Hören auch das Stiften und Spenden nicht zu vergessen, um damit der Musik erst ihre erregende Sinnlichkeit und volle dramatische Wucht wiederzugeben. Gerade das Abwerfen von Kapitalien in die Stiftungskasse verschafft dem Musikliebhaber jene Leichtigkeit des Seins, die erst die Voraussetzung für ein ungetrübtes Hörerlebnis darstellt. Nur dann können die Stimmen des Orchesters, aller vulgären Körperlichkeit entkleidet, das Finale intonieren, und es tut sich endlich das Elysium vor uns auf und gibt den Blick frei auf die edlen Spender und Stifter, d. h. also auf Sie und Sie, und natürlich auch auf Sie, und Sie dahinten sind ebenfalls gemeint. (Nein, bei Ihnen weiß ich nicht genau...) Wir alle genießen heute diesen schönen, rauschhaften Moment. 

Meine Damen und Herren,
die Stiftung steht,
das Publikum sitzt,
die Überweisungsträger liegen bereit! 

Ich bedanke und verneige mich!