Kulturstiftung, in deren Namen ich Sie alle sehr herzlich willkommen heiße.

Ich glaube, man darf sich ruhig ein paar Sätze lang darüber aufhalten, welch komplizierte Gemengelage diese so natürlich anmutende Abfolge überhaupt erst ermöglicht hat. Da ist zunächst einmal der außergewöhnlich glückliche Umstand zu erwähnen, daß diejenigen, die heute meinen Vorstand bilden, sich gerade mal vor rund einem Jahr zusammensetzten und die Gründung der Kulturstiftung, einschließlich der Klärung aller rechtlichen, steuerlichen und finanziellen Probleme, tatsächlich noch 2003 zustande brachten. Erst indem wir also real die Bühne betraten, konnten wir folglich überhaupt eine kulturpolitische Rolle übernehmen. Nach dem Arolser Rückzug haben wir diese Möglichkeit dann ergriffen und die Pyrmont-Pläne von Prof. Brusniak auch an uns gezogen.

Denn das Tagungsprojekt erschien uns so bedeutsam, daß wir beschlossen haben, es zu fördern, obgleich wir naturgemäß bezüglich der Finanzausstattung noch ganz am Anfang stehen. Ich betrachte es schon vorab als einen Erfolg, daß wir dieses Treffen überhaupt nach Pyrmont verpflichtet haben. Das frühe Musikleben des Bades ist keineswegs ausreichend erforscht und die Rolle, die Telemann dabei gespielt hat, ist weder in der Stadt- noch in der Musikgeschichte abschließend gewürdigt worden (trotz Brusniaks Arbeiten). Hier erwarten wir durchaus neue und sehr spannende Bewertungen.

Nicht zu erwarten war für mich persönlich allerdings der Umstand, daß ich nun erfuhr, daß Herr Brusniak aus Korbach stammte und dort auch zur Schule gegangen war. Als er neun Jahre alt war und ich zwanzig, nämlich 1961, habe ich mit dem heute bekannten Schriftsteller Friedrich Christian Delius (Berlin) und dem jetzigen ZDF-Fernsehrat und Verleger der Waldeckischen Landeszeitung,Dr. Wilhelm Bing, eben in Korbach eine Künstlervereinigung von sehr, sehr jungen Leuten gegründet, die ich „Katakombe“ taufte. Daher war es für mich, der ich die Stadt schon zwei Jahre später für immer verlassen hatte, jetzt ganz einfach, bei Dr. Bing anzurufen, und schon wurde ich vollständig über die Qualitäten des Herrn Brusniak ins Bild gesetzt! – Der mit ihm also auf der Basis der gemeinsamen waldeckischen Wurzeln geführte Dialog entwickelte sich gut und erreichte zweifellos seinen Höhepunkt, als ich am Schluß eines längeren Telefonats betont teilnahmslos erwähnte, ich könne durchaus zweifelsfrei belegen, daß der Komponist auch noch in einem der Forschung bisher unbekannt gebliebenen Jahr in Pyrmont als Kurgast geweilt habe. Nach einer Generalpause löste sich die Spannung des Professors in dem Satz: „Sind Sie wahnsinnig, mir etwas so Sensationelles so nebenbei zu sagen?“

Übrigens habe ich seinerzeit auch das künstlerische Manifest dieser „Katakombe“ verfaßt, ich kramte es jetzt nach 43 Jahren heraus (Plakat!) und konnte nun zu meiner eigenen Genugtuung lesen: „Je ehrlicher der Mensch sein wird, um so größer wird der Platz sein, den die Kunst in seinem Leben einnehmen wird, denn die Kunst ist das bedeutendste Bekenntnis des Menschen zur Wahrheit.“

Ja, solch’ fundamentale Weisheiten kann man wohl nur mit 20 verkünden! Ich führe das Zitat hier auch mehr deshalb an, weil gerade im Umgang mit der Kunst Telemanns, die Wahrhaftigkeit oft ihren Platz mit der Unredlichkeit getauscht hat. Die neue Biographie von E. Kleßmann zeigt wieder in erschreckender Weise, wie fundamen-tal sich die größten Musik-Gurus geirrt haben, wie sie Bach irrtümlich Kompositionen zuschrieben und gegen ihren wahren Schöpfer ausspielten und dabei doch nur ihre eigenen Vorurteile ausstellten.

Ich will nicht vorgreifen, aber ich habe so eine Ahnung, als würde Telemann auch eine ganz besondere Rolle spielen können, innerhalb des von mir nachdrücklich angeregten Jubiläumsprojekts„300 Jahre Musikbad Pyrmont“,ein bisher falsch datiertes Ereignis, das tatsächlich für 2006 ansteht.

Dabei empfiehlt sich Telemann für einen hörbaren Ehrenplatz, neben der Partitur zur „Pyrmonter Kurwoche“, besonders mit einer Arie aus seiner Oper „Eginhard“; und die geht so:

Gesundheits-Brunnen, warme Bäder,
besucht man aus lockendem Triebe
zur Wollust, zum Spielen, zur Liebe,
viel mehr oft, als aus Leibes-Noth.

Doch jetzt folgt die Wendung, die die Rezeption des Stückes bei uns wirklich nachhaltig behindert hat. Denn im Hinblick auf den seinerzeit durchaus geläufigen, mitunter unausweichlichen (und, wie ich einräume), auch oftmals erfolgten erotischen Totalschadens der Kur (sprich: Syphilis), wird vom Tenor dann intoniert:

Drum kehret, mit mancherley Schaden
von innen und außen beladen,
so mancher heim, und holt sich gar den Tod,
wol gar den Tod.

Und das alles gesungen, mit den entsprechenden Wiederholungen! Telemann, das bildet sich jedenfalls zunehmend deutlicher heraus, ist  immer öfter für Überraschungen gut. Ich wünsche Ihnen bei der Erarbeitung der Grundlagen für ein neues, differenzierteres Komponisten-Porträt eine gute Zeit. Je weiter sich die Musikkritik dabei von der sachlichen Analyse des Werks oder der Biographie entfernt, auf desto schwierigeres Gebiet wird sie sich auch begeben.

„Und nun“, so sagt der in dieser Hinsicht leidgeprüfte Beethoven, „rezensiert solange Ihr wollt, ich wünsche Euch viel Vergnügen. Wenn’s einen auch ein wenig wie ein Mückenstich packt, so ist’s ja gleich vorbei, und ist der Stich vorbei, dann macht’s einem einen ganz hübschen Spaß. Re-re-re-re-re-zen-zen-si-si-si-si-siert-siert nicht bis in alle Ewigkeit, das könnt Ihr nicht. Hiermit Gott befohlen.“
Soweit also Beethoven, meinen Segen bekommen Sie damit – neben unserer finanziellen Verpflichtung natürlich! - gratis und franko dazu. Und verzeihen Sie mir, wenn ich abschließend nochmals aus meinem hochgemuten Korbacher-Künstler-Manifest des Twens von 1961 zitiere: „Wir sollten uns alle bemühen, ehrlicher zu werden, dann werden wir auch eine ganz große Kunst haben.“