Pyrmonter Musiklebens kommen würde, hat man seinerzeit vielleicht auch nur mit halbem Ohr wahrgenommen. Indes: Heute ist der Tag da, an dem wir ganz genau dieses Versprechen hörbar einlösen werden. 

Sicher erinnern sich noch viele, an die jahrelangen und sehr großen Anstrengungen, einen Nachfolger für den seinerzeit desolaten Konzertflügel des Staatsbades zu beschaffen. So mutet es eigentlich doch märchenhaft an, was für ein großartiges Geschenk für den Konzertkalender der Stadt die Kulturstiftung hier schon nach gut einem Jahr einbringt. Denn bereits mit diesem Tage präsentieren wir dem Pyrmonter Publikum einen zusätzlichen Konzertflügel, der die künstlerischen Möglichkeiten des Musikbades auf ungeahnte Weise erweitern und auch wortwörtlich „beflügeln“ wird. 

Wenn in dieser Stadt verschiedene Institutionen miteinander zu tun haben, wird immer gern erzählt, da ginge es doch zu wie noch gerade eben beim Klavierstimmen: Die Harmonie würde nämlich gewöhnlich nur dadurch hergestellt, indem man die Spannung unter den Beteiligten verstärkt! Aber diese Praxis ist hier längst nicht so beliebt, wie manche meinen. Meine Damen und Herren, glauben Sie mir als Mitspieler: In diesem Falle gingen alle beteiligten Interpreten durchaus „legato“, also „verbunden“, ans wohltönende Werk. Zunächst habe ich mit der Alfred-Reinhold-Stiftung (Moll) ja nur vierhändig gespielt und dann nach und nach die Partitur mit Kulturstiftung, Staatsbad, arche, und Blüthner bis zum Quintett erweitert. Dabei war doch alles ganz einfach: Man mußte nämlich immer nur, genau wie beim Klavier, die richtige Taste runterdrücken, und schon ging die wohltemperierte Stimmung rauf. 

Nach Thomas Mann bietet die Tastatur mit ihren sieben schwarz-weißen Oktaven die ganze Musik wie ein lockendes Meer dar, „und man kann sich hineinstürzen und selig schwimmen, sich tragen und entführen lassen und im Sturm gänzlich untergehen, und dennoch dabei die Herrschaft in Händen halten, regieren und verfügen.“ Gleichwohl kann ich selbst gar nicht Klavier spielen. Ich habe mich aber immer gut erinnert, wie ein Hollywood-Schauspieler erklärte: „Ich spiele nicht gerne Klavier - das macht mich zu attraktiv.“ 

Doch da gab es ja noch einen wichtigen Punkt. Den hat Richard Wagner schon aufgespießt, indem er sagte: „Das spezifisch deutsche Tempo ist das Andante.“ Das übersetzt man am besten mit „etwas langsam“, wie wir das auch vom  Wirtschaftswachstum her gewohnt sind. In unserem Falle aber verliefen die Vorgänge „vivace“, also lebhaft, bisweilen gar „presto“, so schnell wurde dieses neue Saiten-Spiel hier Wirklichkeit. Das ist rekordverdächtig, und es zeigt, was die Kulturstiftung sogar noch ganz ohne finanziellen Einsatz zu leisten vermag.

Unsere Kapitalausstattung ist sowieso leider noch unzureichend. Weshalb ich bei jeder, mithin auch bei dieser Gelegenheit, vor allem auch im Hinblick auf die unbedingt restaurierungsbedürftige Konzerthaus-Orgel, meinen Merk-Satz „ostinato“, also hartnäckig, wiederhole: „Bitte spenden Sie uns keinen Trost, meine Damen und Herren, trösten Sie uns lieber mit einer Spende!“ Wir brauchen sie. 

Doch nun ist es an mir, mich – sagen wir „con amore“– also mit Liebe, bei allen Mitspielern zu bedanken. Herr Reinhold ist ja jener Wahl-Pyrmonter gewesen, der aus seiner Begeisterung für den so besonders sanften romantischen Klang der Blüthner-Klaviere eine Stiftung gemacht hat, die heute auf allen Kontinenten ihren Auftritt hat. Indem sich das Musikbad in dieses internationale Szenario einreihen darf, erfüllen wir auch ein Vermächtnis dieses Gönners und bedanken uns bei Ihnen, Herr Moll, als Vorsitzendem dieser Stiftung. Es ist für Sie ja nicht ernüchternd, Herr Moll, wenn ich Ihnen sage, daß Beethoven, als er seine Sonate in f-„moll“ komponierte,  nicht an Sie gedacht hat, und Chopin bei seiner in b-moll ebensowenig wie bei dem Nocturne in c-moll und der Ballade in g-moll. Aber wir haben daran gedacht; denn genau diese „moll-Musik“ erklingt heute. Fabelhafterweise kann man also aus der heute dominierenden Tonart noch den dezenten Dank an Sie heraushören! 

Mit Blüthner taucht nun ein Name auf, der im Pyrmonter Musikleben schon einmal glänzte. Ich zitiere Fritz Busch, einen berühmten Dirigenten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der hier seine steile Welt-Karriere begann: „Nachdem für die Spielzeit 1911 auf meinen Vorschlag das ausgezeichnete Berliner Blüthner-Orchester nach Pyrmont verpflichtet worden war, lud ich alsbald Max Reger ein, dort bei einem mehrtägigen Musikfest eigene Werke zu dirigieren.“ Heute ist es umgekehrt Herr Blüthner, der für neue künstlerische Auftritte in Bad Pyrmont sorgen wird, indem er zukünftig  Sieger von international ausgeschriebenen Klavier-Wettbewerben (z.B. Malmö, Glasgow, Paris, Madrid), also die sog. Blüthner-Freun-de, hierher vermitteln will. Es freut uns sehr, daß wir damit einen weiteren direkten Zugang zu internationalen Podien gewinnen.

Vor 100 Jahren war Blüthner ja bereits der Hoflieferant der folgenden allerhöchsten Majestäten, nämlich des:

Deutschen Kaisers und Königs von Preußen, des Kaisers von Österreich-Ungarn, des Zaren von Rußland, des türkischen Sultans, der Könige von Sachsen, von Dänemark, von Griechenland, von Rumänien und nicht zuletzt der Königin von England.

Leider ein wenig verspätet und schon außerhalb unserer dynastischen Epoche, ergreife ich heute die Gelegenheit, Sie Herr Blüth-ner, nun nachträglich noch zum privilegierten „Hoflieferanten des fürstlich-waldeckischen Bades Pyrmont“ ehrenhalber zu ernennen!

Damit wir uns recht verstehen: Ich besitze dafür überhaupt keine Legitimation. Doch in Ihrer Firmen-Geschichte hat man schon ganz andere Dinge, denken wir nur an die DDR-Verstaatlichung, leichthin legalisiert, ohne dafür im mindesten legitimiert gewesen zu sein. Meine für Sie ausgesprochene Diplomierung kann sich immerhin auf den demokratisch zustande gekommenen Beifall der Musikbad Pyrmont Kulturstiftung und den dieses ganzen Saales stützen... 

Im Jahre 1853 wurde Blüthner gegründet, übrigens genauso wie Bechstein und Steinway. Von diesem Trio, das vor dem Krieg den Weltmarkt beherrschte, landeten dann zwei hinter dem Eisernen Vorhang, was nun zu der heutigen, sich erst langsam ändernden Situation geführt hat. Aber 1903 (*mein Vater), also zum 50-jährigen Firmenjubiläum, deklamierte ein Laien-Poet seinen Festgruß noch ganz zeittypisch überschwenglich und begann mit dem Vers: 

Nah und fern ertönt es heute, wo man Blüthner-Leipzig kennt,
Künstler spielen heut’ mit Freude, wo man seinen Namen nennt. – 
Und für Pyrmont reim’ ich heute frohgemut das Happy-End:
Herzlich danken hier die Leute für dies Tasten-Instrument! 

Ja, ich weiß, das ist keine Kunst, das ist nur so drauflosphantasiert.

Aber wer nun immer noch nicht begriffen hat, daß Phantasie und Wirklichkeit bei dieser Geschichte ganz eng zusammengehören, dem ist sowieso nicht zu helfen. Gewiß wird die Klaviermusik hier nun mit all ihren bisher unerhörten Facetten zur größeren Geltung kommen. Ganz sicher wird das u. a. auch inspirierend für die Konzerte der „arche-Kammermusik“ werden, für die ein derartiger Flügel bislang nicht zur Verfügung stand. Und nicht zuletzt wird dieser Saal für diese Musikgattung auch zur ersten Wahl werden.


Herrn Kurdirektor Blome ist deshalb sehr herzlich dafür zu danken, daß er diesen schönen, würdigen Rahmen zur Verfügung stellte, der durch das Instrument aber auch eine ganz neue Bedeutung bekommt. Ab heute übergeben wir das uns zugedachte Pianoforte dem Staatsbad wohlwollend als Dauerleihgabe. Damit haben Sie/ haben wir nun ein großes Instrument für den Kleinen Saal! Hier hat Bad Pyrmont zukünftig eine kleine, feine Bühne für die große Tonkunst. Ihr wünsche ich fortan ein neues, treues Piano-Publikum!

Sehr geehrter Herr Kurdirektor Blome, gerne überreiche ich Ihnen den Original-Schlüssel für dieses klassische „Geflügel“! Seien Sie gut zu ihm, denn der Ton macht ja bekanntlich die Musik!