Wenn dann dazu noch der Genius loci kommt, also der gute Quell-Geist, der hier so oft große Tagungen und Kongresse beseelt hat, dann dürfen Sie für Ihre Arbeit durchaus gute Ergebnisse erhoffen. Gleichwohl habe ich insgeheim die Erwartung, daß Sie, ich drücke es jetzt mal musikalisch aus, auch „die Trommel rühren“. Ich meine das im Hinblick auf den gegenwärtigen Stellenwert des Musikunterrichts und der musikalischen Bildung im Lande.

Auch ich beobachte mit Sorge, wie es mit der öffentlichen Förderung von Kunst und Kultur beständig bergab geht. Kulturorchester werden dezimiert oder aufgelöst, der Musikunterricht in den allgemeinbildenden Schulen findet nicht mehr stetig statt, die Möglichkeiten ein Instrument zu erlernen, haben sich verschlechtert. Die Musikkultur insgesamt wird immer mehr kommerzialisiert und liefert sich verzweifelte Rückzugsgefechte mit den Fiskalpolitikern, die die überschuldeten, leeren Haushaltstöpfe verwalten.

Da wünsche ich mir von Ihnen durchaus deutliche Worte, eine etwas rauhere Gangart gegen ein „musikalisches Billiglohnland“ Deutschland. Kultur kam in den letzten Jahren im Feuilleton doch vor allem als „Streichorchester“ vor. Man muß es den Bundespräsidenten Rau und jetzt auch Köhler besonders anrechnen, daß Sie immer öffentlich ihre Stimme für eine andere Politik erhoben haben. So sagte Horst Köhler im März 2005 z. B.:

Musikalische Bildung fördert die Entwicklung von Kindern zu eigenständigen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten.
Musikalische Bildung ist deshalb keine Privatsache.
Musikalische Bildung muß zu den Selbstverständlichkeiten gehören, wie das Lesen, Schreiben und Rechnen.
Musikalische Bildung braucht breiteste gesellschaftliche Unterstützung.
Auch der vorige Innenminister Schily fand durchaus starke, richtige Worte: „Ich bin sehr dafür, daß jedes Kind Zugang zum Computer hat, aber vielleicht wäre es auch gut, wenn jedes Kind Zugang zu einem Musikinstrument hätte. Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“ 

Wir, d. h. Sie müssen also diese Debatte weiterführen, aus der hervorgehen muß, daß die Musik nicht länger das Sahnehäubchen darstellt, sondern der eigentliche „cup of tea“ selbst ist! Ich spreche als Pyrmonter Ratsherr zu Ihnen, der im Kulturausschuß mit genau diesen Problemen zu tun hat, aber vor allem als Vorsitzender der „Musikbad Pyrmont Kulturstiftung“, in deren Namen ich Sie sehr herzlich begrüße. 

Durch diese Kulturstiftung sind die objektiv vorhandenen Probleme durch ein engagiertes Netzwerk neuer Beziehungen „harmonisch“ abgefedert worden. Dabei nimmt die auch von uns geförderte Musikschule mit ihrem Leiter, Herrn Mehring, einen  wesentlichen Platz ein. Das 300jährige Musikbad hat so seit drei Jahren eine signifikant bessere musikalische „Stimmung“ bekommen, die hier zu solidarischeren und hörbar besseren Rahmenbedingungen geführt hat, um die man uns andernorts beneidet. Gerade deshalb ist der von Ihnen gewählte Tagungsort von großer Symbolik.

Ohne Sie mit dieser Erfolgsstory weiter aufzuhalten, wäre deshalb ein von Bad Pyrmont ausgehendes Signal wünschenswert, das darauf dringen sollte, die musikalische Grundversorgung im Lande anzumahnen, bzw. die diesbezüglich gerechten gesellschaftlichen Ansprüche vorzutragen. Eine Bürgerschaft, die zunehmend mehr kommunale Aufgaben mit größeren Eigenleistungen unterfüttern muß, bedarf in dieser Sache durchaus der Ermunterung und Fürsprache durch Sie als natürliche Sprecher des musikalischen Gewissens unseres Volkes – denn so würde ich Sie charakterisieren.

Niemand von Ihnen wird wissen, daß der Fürstlich Waldeck-Pyrmonter Hofkapellmeister Ferdinand Meister, der hier in der Konzertmuschel den Taktstock schwang, schon 1909 den Verband der Deutschen Orchester- und Chorleiter gründete und bis 1926 deren Vorsitz inne hatte. Da stellt die Historie unerwartet ein Argument für eine erfolgreiche Tagung bereit. Denn von diesem Musiker hieß es, daß sich zu seinen „künstlerischen Fähigkeiten auch ein großes organisatorisches Talent und ein schöner Unternehmergeist“ geselle.

Meine Damen und Herren, genau das ist es, was ich Ihnen auch wünschen möchte. Ich wünsche Ihnen Debatten und Diskussionen, die in diesem Sinne eine kulturpolitische Wirkung entfalten. Bleiben Sie bitte deshalb nicht stehen bei einem Lamento unisono, sondern entwickeln Sie ein fruchtbares Parlando ad libitum. Denn über allem was Sie tun und lassen, sollte das Wort von Robert Schumann stehen, das Sie bitte auch an Ihre Schüler weiterreichen mögen. Diese einfache Musikanten-Wahrheit lautet:
„Es ist des Lernens kein Ende.“