allerdings noch, wenn hinzugefügt worden wäre: Das sieht man ihm gar nicht an! Dafür hat er sich doch gut gehalten! Oder etwas ähnlich Schmeichelhaftes... Na gut, ich lasse das gelten.
 
Dabei fällt mir sofort die Anekdote ein, die ich Ihnen unbedingt erzählen muß, diese Geschichte habe ich aus dem Munde von Marcel Prawy, dem einzigartigen Wiener Opernkritiker: Ein Star der Wiener Staatsoper, eine bezaubernde alte, sehr alte Dame, feiert ihren Geburtstag, es ist der 103.! Der ORF ist mit Kameras zu Gast in ihrem Hause, das sich über zwei Etagen erstreckt. Die alte Primadonna keucht etwas die Treppe empor, um den Herren oben Dokumente zu zeigen, ein Kameramann springt herzu und will der Frau helfen, doch sie faßt sich ins Kreuz und winkt energisch ab: „Is’ scho’ recht – man ist halt keine hundert mehr!“...
 
Bei 300, meine Damen und Herren,  darf ich auch für mich um entsprechende Rücksichtnahme bitten... Alle Vorredner haben nun schon soviel Kluges und Richtiges gesagt. 
 
Ich sage nur ganz einfach: Ich habe mir diesen Geburtstag gewünscht, ich habe ihn herbeigesehnt, ich bin glücklich, daß er standesgemäß gefeiert wird. Und ich bedanke mich bei den Gratulanten für ihre Gratifikationen.
 
Frau Zetzsche hat ja recht, die Idee habe ich 2001 formuliert, erst im Dezember 2003 wurde ich Vorsitzender der neugegründeten Musikbad Pyrmont Kulturstiftung, die nach nunmehr kaum zweieinhalb Jahren unverhofft quasi die Patenschaft für die 300 Jahre Musikbad-Geschichte übernehmen darf. Ich betrachte diese Ausstellung als ein Geschenk, das dem Publikum erstmals in dieser Dichte die musikalischen Standortqualitäten vermittelt. Denn, meine Damen und Herren: Bad Pyrmont kann historisch und faktisch nur mit drei Charakteristika überregionale Aufmerksamkeit beanspruchen: Nämlich mit der durch viel fürstlichen Glanz veredelten balneologischen (Gesundheits-) Kompetenz, mit einer gewachsenen bedeutenden Gartenkultur und eben mit einem Musikbad, das sich in 300 Jahren einen ganz besonderen Status erworben hat. Ich besitze einen französischen Musikatlas aus den 60er Jahren, der auf einer Karte die „Mittelpunkte des musikalischen Lebens in Mittel- und Westeuropa“ verzeichnet. Bad Pyrmont mittendrin und wenig Drumherum.
 
Meine Damen und Herren, das ist eine Situation, die in dieser Region noch immer nicht nachhaltig genug wahrgenommen worden ist. Selbst heute noch nimmt unser „Zentralorgan“, die Dewezet, von herausragenden künstlerischen Ereignissen sehr wohl lokal, aber nicht immer auf den überregionalen Seiten Notiz. 
 
Wer sich aber mit unserer Geschichte vertraut macht, wird alsbald auf vielfältige Musik stoßen, die wir - wie wie ich das getauft habe - als besondere „Pyrmonter Klangräume“ wieder hörbar und erfahrbar in unser Bewußtsein holen müssen. Diese Ausstellung gibt uns dabei die Richtung vor. Ich danke dem Team von Dr. Alfter für seine unermüdliche Arbeit an dieser Schau. Ich bedanke mich aber auch herzlich bei meinem Stellvertreter, Herrn Mehring, der Herrn Dr. Alfter zugearbeitet hat. Wenn hier von einer Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung die Rede ist, dann hat sie auf unserer Seite auf seinen Schultern gelegen. Aber – nomen est omen – wie hätte das auch anders sein können bei einem Mann, der den Vornamen Jubal führt: Wie wir aus dem Alten Testament wissen, war das in biblischer Zeit der erste Musikant, der Harfe und Flöte spielte – das verpflichtet eben auch. 
 
Ich selbst will hier zum Schluß noch einen kleinen historischen   Beitrag leisten, indem ich Ihnen eine Geschichte erzähle, die sich 1909 hier abgespielt hat. Kaum einer wird sie kennen.
 
Ein junger Mann, der gerade am Kölner Konservatorium seine Ausbildung abgeschlossen hatte und schon als Dirigent an das Deutsche Theater in Riga verpflichtet war, hört, daß die Stelle des Kurkapellmeisters in Pyrmont ausgeschrieben wird, und er bewirbt sich. Er reist also in langem Gehrock mit bunter Weste, einer rot- grün schillernden Krawatte, Stehkragen, Strohut und gelben Schuhen an und sucht Kurdirektor von Beckerath auf, einen seriösen Herrn, der auf die Erscheinung des jungen Mannes nur einen flüchtigen Blick wirft und erklärt, er habe für ihn keine Möglichkeiten. Der Aspirant bat um die Gelegenheit, mit einem Beethoven-Brahms-Abend sein Talent zu beweisen. – „Da brauchen Sie ein Orchester von sechzig Musikern, die Kurkapelle zählt dreiunddreißig, mehr gibt mein Etat nicht her, ich danke für Ihren Besuch.“
 
Unser Mann stand also umgehend wieder auf der Straße, geht die Hauptallee auf und ab, und nun kommt etwas ganz Ungewöhnliches: Er geht rasch zurück und macht dem verdutzten Kurdirektor den Vorschlag, das besagte Konzert gleichwohl anzusetzen, die erforderliche Orchesterverstärkung werde er schon unentgeltlich besorgen, sein Bruder werde sogar als Solist für das Violinkonzert von Beethoven antreten. Der Handel kommt zustande, mit dem nächsten Zug ist der Dirigent wieder in Köln und setzt dort seinen Freunden vom Konservatorium den Plan auseinander, ihm bei seinem Karrierestart zu helfen. Stellen Sie sich vor: Alle sagen zu, auf eigene Kosten vierter Klasse anzureisen, und schon am nächsten Tag ist unser Musikus wieder in Pyrmont. 
Jetzt macht er sich mit der Pyrmonter Zeitung bekannt, liefert Kritiken, Analysen und Ankündigungen über ein ungewöhnliches künstlerisches Ereignis. Er läßt Plakate drucken und klebt sie in der Nacht eigenhändig mit Pinsel und Leim an die Bäume. Alsbald kündigte sogar der fürstliche Hof sein Erscheinen an. Der Kurdirektor kommt nun mächtig in Schwung, der Abend ist ausverkauft, und die Kölner Freunde können dadurch sogar noch entlohnt werden. 
 
Im Konzert dann Webers Oberon-Ouverture, Beethovens Violinkonzert und auswendig dirigiert die „Zweite“ von Brahms. Unser Dirigent wirft die Arme in die Luft und holt mit dem Taktstock die Prismen des Kristallüsters im Weißen Saal des Kurhauses herunter, die dadurch auf ihn herabregnen. Der Fürst vollkommen unmusikalisch, die Fürstin schwerhörig, erweisen sich aber als äußerst huldvoll, die Pyrmonter können die ganze Unterhaltung wegen der Schwerhörigkeit „Ihrer Durchlaucht“ mithören. Was soll ich Ihnen sagen - der Dreijahresvertrag kommt zustande, mit einer Garantie von monatlich 500 Mark, damals ungewöhnlich viel Geld für einen jungen Debütanten.
 
Der Mann, auf dessen Biographie ich mich hier berufe, hieß Fritz Busch, lt. Vertrag in einem Alter von 22 Jahren, in Wahrheit – halten Sie sich fest – damals 19 Jahre alt. Dieser Künstler war ein Genie. Er hat seine Spuren auch in der Ausstellung hinterlassen, hat Pyrmont musikalisch aufgefrischt und wurde später einer der größten Dirigenten seiner Zeit, vor allem als Mozart-Spezialist konzertierte er auf allen fünf Kontinenten. Davon ein andermal mehr.   (Extra-Vortrag Hansjörg Franzius [Mozart-Ges.] angesetzt!)
 
Ich frage Sie: Können Sie sich diese Geschichte heute vorstellen? Daß einer sich nicht abweisen läßt, sondern auf eigenes Risiko nachbessert, daß ihm die Freunde gerne unentgeltlich helfen, daß der Kurdirektor sogar einen einmal getroffenen Entschluß revidiert?
Nein, im Ernst kann man daraus nur vier Lehren ziehen: 
 
1. Man hat hier mehr Erfolg, wenn man sich älter macht als man ist. 
2. Auch Unmusikalische können mit Geld viel Gutes für die Musik tun.
3. Ohne Presse geht gar nichts. Und
4. In Pyrmont setzt sich das Genie eben doch durch! Allerdings ist nicht garantiert, daß es auch bleibt... 
 
André Heller, der ja über entsprechende Erfahrungen verfügt, hat gesagt, Gott denkt in den Genies, träumt in den Dichtern und Musikern und schläft in den übrigen Menschen. Also in Ihnen... Deshalb rufe ich Ihnen zu: Aufgewacht, meine Damen und Herren! Auf zur Ausstellung, und wenn Sie hellwach sind und bleiben, dann sage ich der Musik hier noch eine himmlische Zukunft voraus!
 
 
Eine Dame, die ihren Geburtstag gerade gefeiert hat, hat ihre Geburtstagsspenden dem Museumsverein und der Kulturstiftung gleichermaßen zugute kommen lassen. Sie berichtete mir, daß ihre Gäste in der Zeitung gelesen hätten, die Konzerthausorgel sei ja nun in Auftrag gegeben und deshalb bedürfe es dort keiner Gelder mehr. Das ist völliger Unsinn. Eine Stiftung lebt davon, daß sie das ihr zugewendete Geld nicht ausgibt, sondern anlegt. Und dafür gibt es gerade mal Prozent. Wir wollen doch auf alle Fälle dafür sorgen, daß die einzige Konzertsaalorgel Niedersachsens mit einer turnusmäßigen jährlichen Pflege zukünftig dauerhaft spielbereit bleibt, ohne unsere anderen Aufgaben zu vernachlässigen. So gesehen, sind wir durchaus auch auf mehrstellige Beträge vorbereitet, die wir satzungsgemäß ganz routiniert behandeln können... Ich lasse mich nachher gerne darauf ansprechen...