die immer schwerer zu bewältigen ist. Denn die Zinsen sind auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. Wenn Sie nun gleichzeitig auch bedenken, daß an uns zugleich noch die Forderung gestellt wird, zunächst auch noch den Inflationsausgleich zu bedienen und auf keinen Fall risikoträchtige Anlagen vornehmen dürfen, dann stehen wir praktisch vor einem Rätsel, für das uns der Gesetzgeber keine Lösungsmöglichkeit vorgegeben hat.

 Wir haben deshalb in dieser Sache auch intensiv mit der Stadtsparkasse gesprochen, die dafür natürlich auch keine Patentrezepte auf den Tisch des Hauses legen kann. Wir beobachten diese Dinge jedoch intensiv, um gegebenenfalls einen Strategiewechsel vorzunehmen. D. h. gegebenenfalls Beträge umzuschichten, um das Vermögen zu sichern. Galten bisher Staatsanleihen, festverzinsliche Bankenanleihen und Immobilien weltweit als sichere Anlagenstiftungen, so muß dieser Ansatz heute ohne Zweifel hinterfragt werden. Bei der anhaltenden Gründungsdynamik, die die Zahl der Stiftungen vermehrt, ist das eine Problematik von grundsätzlicher Natur, die nicht etwa nur unsere Kulturstiftung erfaßt hat. Jeden Tag werden mindestens zwei neue Stiftungen gegründet. Sie sind per se auf Nachhaltigkeit angelegte Organisationen. Stiftungen sind – zumindest in Deutschland – für die Ewigkeit gemacht. Sie müssen ihr Vermögen erhalten und dürfen nur den daraus erwirtschafteten Ertrag für den Stiftungszweck einsetzen. 5500 Stiftungen haben, laut FAZ, weniger als 1 Million € Stiftungs- kapital, womit man nach Ansicht der Zeitung bei den gegenwärtigen Zinsen kaum in der Lage ist, den Stiftungszweck zu fördern.

 Sie sehen, meine lieben Stifterinnen und Stifter, in welche unangenehme Lage Sie mich mit Ihrem Engagement gebracht haben... Wir haben versucht, dieses Dilemma dadurch zu mildern, daß wir verschiedene Persönlichkeiten der Stadt angesprochen haben, uns zu unserem 10jährigen Bestehen eine Spende zu überweisen. D. h., unsere Schatzmeisterin Frau Dr. Meermann hat hier eine entsprechende Initiative entfaltet, und sie ist zwar nicht in dem von ihr erwarteten Umfang – dazu sind viele Pyrmonter zu knickerig – aber doch in einem von uns dankbar zu registrierendem Maße mit Spenden bedacht worden. Mein herzlicher Dank gilt Frau Fr. Meermann für ihre Hartnäckigkeit und den Spendern für ihre Freigebigkeit. Und nur das ist ja schließlich auch der reale Hintergrund, der uns gestattet hat, die „beste Band Niedersachsens“, also die NDR Radiophilharmonie, für unser Jubiläumskonzert zu verpflichten. Damit präsentieren wir dem Pyrmonter Konzertpublikum erneut ein Highlight, das ohne die von uns organisierte Entschlossenheit auch ohne Echo bliebe.

Sie sehen, auf welch schwankender Grundlage die Musikkultur hierzulande balanciert. Wir werden nachher mit Herrn Ilkenhans noch Gelegenheit haben, darüber zu sprechen.

 Gleichwohl darf unsere heutige Veranstaltung auch nicht ohne einen dankbaren Rückblick auskommen, der die erreichten Positionsmarken vermerkt, die wir im Musikleben dieser Stadt hinterlassen haben. Ich habe dazu aufgrund einer Einladung des Heimatbundes im November sehr umfangreich referiert. Das nahm eine Stunde in Anspruch. Bei der großen Bewerbungsveranstaltung zum Weltkulturerbe durfte ich das Musikbad vertreten und werde das im Februar in ausführlicher Form vertiefen. Lassen Sie mich heute jedoch kurz folgendes sagen:

 Ohne die Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Klaus-Henning Demuth wäre die Gründung wohl nicht wirklich zu Stande gekommen. Ich könnte viele Namen nennen, z. B. den ganzen ersten Vorstand (neben Demuth waren das die  Namen Mehring, Kuhn, Schauer, Kluge, Staatsopern-Intendant Puhlmann und auch Malms, der am 10. 12. 03 als sog. Erststifter zum Vorsitzenden gewählt wurde). Sie alle zählten zu den treibenden Kräften, aber ohne die zielführende Unterstützung aus dem Amt, mit dem damit verbundenen wichtigen Netzwerk, hätten wir lebenswichtige Starthilfen nur sehr schwer bekommen können. Ich sage nur das Stichwort Stadtsparkasse. Aber noch heute treibt es mir auch die Schweißperlen auf die Stirn, wenn ich daran denke, wie ich Heiligabend mittags 12:00 Uhr, die Unterschrift von Frau M. bekam, die mir die noch ausstehenden letzten 5.000 € sicherten, die wir zur Anerkennung der Gründung 2003 unbedingt benötigten. Solche spielentscheidenden Momente hat es eine ganze Reihe gegeben, die allesamt dadurch zu kennzeichnen sind, daß sich die damit verbundene historische Konstellation heute in keinem einzigen Fall mehr her- und vorstellen ließe. Das hat ganz stark meine ohnehin vorhandene Einstellung geprägt, daß sich das Eisen nur in dem kurzen Moment schmieden läßt, wenn es heiß ist.

 Ich gebe Ihnen dafür ein Beispiel: vor vier Wochen lief im NDR eine große Abendreportage über die schönsten Gärten Niedersachsens. Der Pyrmonter Kurpark kam vor dem Herrenhauser Garten nach dem Willen der Zuschauer auf den zweiten Platz. Die Kamera schwenkte über die herrlichen Pyrmonter Anlagen und Herr Mäkler vom Staatsbad erklärte dem Publikum, daß er insbesondere einen Platz zu seinem Favoriten erkoren habe, nämlich den Telemann-Garten! Die Initiative und Idee für diesen Garten ging ganz eindeutig von der Musikbad Pyrmont Kulturstiftung aus. Ich habe dem Kurdirektor Blome auch die von mir mühsam gesammelte Anschubfinanzierung von 7.500 € seinerzeit überreichen dürfen, die unserer Idee galt, die ganz außergewöhnliche Blumenliebe Telemanns und seine sehr häufigen Pyrmont-Besuche hier endlich erstmals an einem sinnfälligen Ort anschaulich zum Ausdruck und zur Geltung zu bringen. Das ist auf wunderbare Weise an einer bis dahin völlig vernachlässigten Stelle des Parks hervorragend vom Staatsbad umgesetzt worden. Das Geld dafür bekäme ich aber heute höchst­wahrscheinlich nicht mehr so zusammen.

 Und gleich schon gar nicht könnte mein persönlicher Freund, der Vorsitzende der „Alfred Reinhold-Stiftung“ mir etwa heute nochmals einen Blüth­ner-Flügel im Werte von 85.000 € verschaffen, den meine Stiftung dann leihweise jetzt dem Konzerthaus überlassen hat. Auch das war eine nur kurz vorhandene historische Situation, die uns für die Arche-Konzerte, für die Weltklassik-Kon­zerte geradezu ideale Bedingungen beschert hat, die in der ganzen Region nicht ihresgleichen haben. Ich würde es auch begrüßen, wenn diese Disposition auch in der Kreisstadt einmal in angemessener Weise registriert würde.

 Oder, um einen weiteres Beispiel zu nennen, glaubt etwa irgend jemand hier im Saal, ich bekäme heute nochmals die Chance 80.000 € für die Restaurierung der einzigen Konzertsaalorgel Niedersachsens zu organisieren? Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie mir gegenüber Kurdirektor Wagener diese Absicht als ein seit Jahrzehnten mitgeschlepptes, aber als unmöglich zu verwirklichendes Projekt aus dem Wolkenkuckuckheim charakterisierte, weil sich die finanzielle Hürde stets als unüberwindlich erwiesen habe. Gleichwohl: Wir haben das hingekriegt, wir haben das Instrument wieder flott gemacht und zum Jubiläumskonzert wird Oliver Kluge mit Variationen zu hören sein, die Anton Bruckner, der größte Orgel-Virtuose seiner Zeit, uns überliefert hat. Das sind doch hörenswerte Perspektiven.

Und in dieser Hinsicht haben wir tatsächlich mehrfach unsere Möglichkeiten genutzt, um Begegnungen mit herausragenden musikalischen Erlebnissen zu bewirken. Ich sage nur beispielhaft Beethovens Neunte, Mozarts Requiem und jetzt ganz aktuell Bruckners Siebte. Mit anderen Worten: die Musikbad Pyrmont Kulturstiftung hat den von ihr selbst gesetzten Anspruch eingelöst und würde sich freuen, wenn die damit die von ihr gesetzten Maßstäbe auch künftig in dieser Stadt als vorbildlich anerkannt würden. Und ich verweise auch darauf, welch großes, entscheidendes Fingerspitzengefühl dabei in der jeweiligen historischen Situation erfühlt und umgesetzt werden mußte.

 Der letzte Satz meines allerersten Rechenschaftsberichtes lautete seinerzeit: Soviel Aussicht auf Positives war und ist selten. Heute darf ich bilanzieren: Das war keine schlechte Prognose. Die Musikbad Pyrmont Kulturstiftung hat im Sinne ihrer Stifter in jeweils optimaler Weise die musikalischen Interessen von Bad Pyrmont gemehrt! In der Ausnutzung von oft nur kurzzeitig vorhandenen Chancen haben wir wohl nicht viel ausgelassen. Auf diese Formel dürfte man sich gewiß einigen.

 Egon Friedell machte in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ schon 1927 höchst tiefsinnige und gleichzeitig wunderbar provozierende Äußerungen. Ich zitiere: „Den untersten Rang in der Hierarchie der menschlichen Betätigungen nimmt das Wirtschaftsleben ein, worunter alles zu begreifen ist, was der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse dient. Es ist gewissermaßen der Rohstoff der Kultur, nicht mehr; aber als solcher freilich sehr wichtig.“

D. h., meine Damen und Herren, die wichtigste Voraussetzung für ein glückliches Leben ist doch wohl in der Entwicklung einer Sensibilität für schöne und wertvolle Dinge zu sehen. Erst eine gründliche Beschäftigung mit Philosophie, Religion, Kunst, Musik, Literatur und ferner das Bewußtsein, daß die Gegenstände nicht nur des musischen, sondern auch des wissenschaftlichen Unterrichts um ihrer selbst willen geliebt werden sollen, daß die Beschäftigung mit solchen Gegenständen ein Endzweck ist, erfüllt unsere menschliche Sehnsucht nach Schönheit und Erkenntnis. Ein Schüler, der immer nur an den beruflichen und praktischen Nutzen denkt, den er später vom Unterricht haben wird, kann nicht begeistert sein und ist aus diesem Grund eigentlich – ein letztlich ziemlich armer Kerl.

Wir brauchen erfolgreiche akademisch ausgebildete Unternehmer und Manager! Sie sind mindestens genau so wichtig wie gute Handwerker und tüchtige Bauern und gute Polizisten und fleißige Müllmänner. Aber wer in der Berufstätigkeit, in ständiger Produktivitätssteigerung gar, den einzigen und den höchsten Lebenssinn erblickt, der ist kein Mensch mehr, der ist herabgesunken auf das Niveau einer überaus tüchtigen, intelligenten, ehrgeizigen und unter ihresgleichen höchst angesehenen – Arbeitsameise in einem ziemlich lächerlichen Ameisenhaufen. Zum Menschsein gehört die Fähigkeit, sich beispielsweise von Mozarts Requiem, von Beethovens Neunter oder aktuell von Bruckners großartiger Siebter erschüttern zu lassen und zu spüren, daß es außerhalb der Wirtschaft noch wichtigere und ranghöhere Dinge gibt. Genau für diese mutige, herausfordernde Wahrheit steht z. B. meine Kulturstiftung ein, meine Damen und Herren! Das mag sich unzeitig anhören, aber es bleibt doch zeitlos wahr.

Und deshalb war es ein großes Glück in meinem Leben, daß ich durch die Kulturstiftung derartige Menschen kennengelernt habe. Das ist  übrigens ein Glück, das jedermann mit mir teilen sollte, wer es also noch nicht ist: Werden auch Sie endlich zum Stifter! Sie werden sich gleich ganz anders, nämlich viel besser fühlen.

Und somit bedanke ich mich sehr herzlich bei allen Stiftern für diese erfüllten zehn Jahre mit Ihnen, ohne Sie und ohne die uns so gewogenen Sponsoren wäre das musikalische Pyrmont viel ärmer. Und natürlich bedanke mich herzlich bei allen meinen Vorstandsmitgliedern, die ja in ihren jeweiligen Funktionen auch an anderer Stelle ganz maßgeblich hörbaren Einfluß auf unser Musikleben genommen haben und weiter nehmen werden. Ich finde es toll, daß Sie mich zehn Jahre lang die erste Geige spielen ließen. Es waren Jahre, die mich bereichert und wohl auch Ihnen etwas gegeben haben. Es waren Jahre des Vertrauens. Dafür würde ich Ihnen gern auch ein musikalisches Opfer bringen; doch ich fürchte, niemand würde es annehmen. So singe ich es nicht, sondern sage es aus voller Brust: Herzlichen Dank!

Herzlichen Dank an Sie alle für ein harmonisches Jahrzehnt!