und die heute in den großen Konzertsälen der Welt zu Hause ist, zum ersten Mal in Bad Pyrmont zu hören sein. Sie wird das zweite Klavierkonzert von Franz Liszt spielen. Sie hat übrigens u. a. auch an der Musikhochschule Hannover studiert, bei der auch unser neuer Vorsitzender einen Lehrauftrag hat. Und mit ihm teilt sie sich außerdem auch noch die hohe Ehre, dass beiden in ihrem jeweiligen Fach der renommierte Preis der Deutschen Schallplattenkritik verliehen wurde. So hängt manchmal alles mit allem zusammen, man muss es nur aufmerksam zur Kenntnis nehmen.

 

Die Konzert-Debatte

Indirekt ist dies Jubiläumskonzert nämlich auch schon ein Beitrag zu der Debatte geworden, die in einem noch nie da gewesenen Umfang das Konzertleben unserer Stadt zum Gegenstand hatte. Ausgelöst wur­de sie durch die Ankündigung des neuen Kurdirektors Maik Fischer, der am 8. August 2015 mit der Schlagzeile an die Öffentlichkeit trat, dass er künftig weniger Veranstaltungen ausrichten wolle. Die Konzert-Abon­nen­ten wurden dabei insbesondere dadurch aufgeschreckt, dass es nur noch zwei statt der sechs Sinfoniekonzerte geben solle. Die in der Presse darüber anschließend mit zwei Dutzend Beiträgen kontrovers geführte Debatte zog sich tatsächlich bis zum 30. 10. hin. 

Sie müssen sich nun zunächst vergegenwärtigen, dass die ersten beiden Sätze der Präambel unserer Stiftungs-Satzung lauten: „Es ist das erklärte Anliegen unserer Stifter, das Musikleben in Bad Pyrmont zu fördern und deren bestehende Einrichtungen zu erhalten. Dieser hohe Anspruch der Kulturstiftung wird durch die Schirmherrschaft der niedersächsischen Staatsoper Hannover unterstrichen.“ Vor diesem Hintergrund war ich als Vorsitzender verpflichtet, unmittelbar auf dieses Ansinnen zu reagieren und auf dem gewachsenen Bestand an musikalischer Kultur zu bestehen. Hätte ich das nicht getan, dann wäre ich an dieser Stelle wohl eine ausgesprochene Fehlbesetzung gewesen.

Insofern war hier aber ein Konflikt vorprogrammiert. Die Situation wurde nicht besser dadurch, dass von politischer Seite die Sinfoniekonzerte auch noch als Luxusgut im Kulturangebot eingestuft wurden. Ich habe umgehend öffentlich darauf verwiesen, dass zur Kultur in Deutschland im Schlussbericht der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages von den Kommunen gefordert wird, sie sollten im Rahmen ihrer Kultur- und Wirtschaftsförderung gerade den bereits bestehenden Kultur- und wirtschaftlichen Strukturen ein besonderes Augenmerk widmen und gewachsene Strukturen und Potentiale gezielt fördern! Doch gerade diese wichtigen kommunalen Entscheidungsträger werden in den Konzerten ja leider real so gut wie nie gesehen.

Meine persönliche Bedrückung über die entstandene, als alternativlos dargestellte Lage führte schließlich zu meinem „Offenen Brief“ an den niedersächsischen Minister der Finanzen, Herrn Schneider, der im Juni bei der Einweihung des Rosengartens noch ein fast leidenschaftlich zu nennendes Bekenntnis zu den Errungenschaften unseres Staats-bades abgegeben hatte. Ich erinnerte ihn nun an die Erkenntnis des bekannten Investors Warren Buffet, der zu bedenken gab: „Es dauert 20 Jahre, sich einen guten Ruf zu erarbeiten, und fünf Minuten, um ihn zu ruinieren. Wenn du dir das bewusst machst, wirst du manches anders machen.“ Ich stellte deshalb dar, in diesem Sinn wäre es zutiefst fahrlässig, wenn mit unserer Tradition gebrochen würde, in die nicht 20 sondern über 300 Jahre erfolgreich investiert wurden. Immerhin seien durch die Initiative der Stiftung ja auch über 150.000 € ins Konzerthaus geflossen. Mit der restaurierten einzigen Konzerthausorgel Niedersachsens und dem von uns bereitgestellten neuen Blüthner-Flügel konnte dessen Status quo erhalten und weiter gestärkt werden. Alles das mit Pauken und Trompeten zu verspielen, was man hernach wohl nie wieder neu beleben könnte, wäre jedenfalls nicht nur für mich eine unheilvolle Vorstellung. Ich würde die Energien lieber darauf gerichtet sehen, etwas Laufendes noch zu erhalten und zu festigen, (immerhin mind. 350 Besucher pro Konzert!), statt Energien darauf zu richten, sich so umstandslos vom Bestehenden zu verabschieden!

 

Suche nach Lösungen

Alles das, was ich hier schildere, blieb natürlich auch nicht ohne Auswirkungen auf das Staatsbad. So wie die Ankündigung des Kurdirektors das Publikum überrascht hatte, so überraschte ihn nun umgekehrt die Reaktion des Publikums. Herr Fischer reagierte daraufhin mit zwei Einladungen: So kam es am 18. 11. mit Volker Schmidt-Gertenbach und mir zu einem Gespräch von 1½ Stunden und am 25. 11. mit Klaus Blome, Arndt Mehring, Jörg Schade, Silke Schauer und mir zu einer Aussprache von 2 Stunden (also mit 2/3 unseres Vorstands). Dieser sog. „Runde Tisch“ wird weiterhin vierteljährlich zusammentreffen.

Ganz allgemein geht es dem Staatsbad darum, Musik etwas zielgruppenorientierter zu präsentieren. Aus meiner Sicht sollte das aber nicht dazu führen, die großen Werke zu aktualisieren, sondern sie fürs Aktuelle zu entdecken, was ja ein großer Unterschied ist. Wie immer findet man bei Goethe schon eine entsprechende konsensfähige Handreichung, wenn er sagt: „Es gibt kein Vergangenes, das man zurücksehnen dürfte, es gibt nur ein ewig Neues, das sich aus den erweiterten Elementen des Vergangenen gestaltet.“ Fest steht: In der Vergangenheit hat jedenfalls gerade die Musikkultur unser Pyrmont auf eine unvergleichliche Art zum Leuchten gebracht hat. Und deshalb ist es nur folgerichtig, wenn ich hier die niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, Frau Dr. Gabriele Heinen-Kljajić, ausdrücklich als Kronzeugin mit ihrem Bekenntnis zitiere: „Wir brauchen kulturelle Leuchttürme.“ Wenn unserer aber nur zweimal im Jahr Zeichen gibt, dann läuft unser Klassik-Tanker wohl unweigerlich auf Grund!

Oder, um es mit einem anderen Bild zu sagen: Die Zutaten dürfen sich in Zukunft durchaus ändern, wenn es denn die Hauptsache bleibt, dass überhaupt noch gekocht wird und etwas auf den Tisch kommt; andernfalls verhungert unsere große Tradition. Darüber ist also nun eine Diskussion im Gange, die aber natürlich nicht abgeschlossen ist, und deshalb scheue ich mich eigentlich, mitten in dem jetzigen Entwicklungsstand die vielen schon auf dem Tisch liegenden Stichworte für die Zukunft zu nennen. Im Moment erinnert mich die entstandene Situation jedenfalls mehr an die von Gandhi überlieferte Weisheit: „Ein fallender Baum macht viel mehr Krach als ein aufkeimender Wald.“ Das muss also alles noch intensiver durchgesprochen werden und reifen. So wurden bei den beiden bisherigen Aussprachen eine Reihe von Lösungsansätzen eingebracht, die wohl nicht diskutiert worden wären, wenn es nicht diese fundamentale Auseinandersetzung gegeben hätte. Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass es der Situation insgesamt aufhilft, wenn daran weiter in Ruhe und Beharrlichkeit geduldig gearbeitet wird. Der gute Wille, mit neuen Strukturen eine für alle erträgliche Konstellation herbeizuführen, ist ernsthaft bei allen Beteiligten zu erkennen. Und auch Sie alle können an einer positiven Entwicklung aktiv mitwirken, indem Sie fleißig die Konzerte besuchen, bzw. auch die Stiftung aktiv unterstützen! So tragen Sie dazu bei, dass unsere Musikkultur ein unverzichtbares Bad Pyrmonter Markenzeichen bleibt!

 

Abschied und Neubeginn

Damit bin ich mit meinem Bericht in der Gegenwart angekommen. Und zu dieser Gegenwart gehört es, dass jetzt turnusmäßig die Vorstandswahlen für die nächsten vier Jahre anstanden. Nun, meine Damen und Herren, dazu hatte ich mir schon sehr lange Gedanken gemacht. Denn im April werde ich 75 Jahre alt. Ich glaube, dass es deshalb sinnvoll war, mich nicht mehr der Neuwahl zu stellen und die Leitung jetzt in neue Hände zu legen. Damit kommt zugleich unweigerlich die Situation auf mich zu, als sog. Erststifter umfassend von der Gründungsphilosophie der neuen Kulturstiftung zu erzählen, dann die Höhepunkte meiner zwölf Jahre als Vorsitzender aufzulisten, um damit auch die Gloriole um mein Haupt zum Strahlen zu bringen. Das wäre dann also jene allgemein bekannte Dünkel-Übung, bei der davon auszugehen ist, dass niemand dies Geschäft des Selbstlobs besser besorgen kann, als der scheidende Mann. Doch leider habe ich mich dazu entschlossen, darauf vollständig zu verzichten. Die Nachwelt flicht’ nicht nur dem Mimen keine Kränze, sie vergisst meist ganz generell und ganz rigoros, und es wäre eitel, sich einzubilden, das sei im vorliegenden persönlichen Fall mal ganz anders.

Das bringt natürlich an dieser Stelle den empfindlichen Nachteil für Sie mit sich, dass Sie auf meine von Ihnen sicher auch erwartete anek-dotenreiche Schilderung meiner ach so schönen Amtszeit gänzlich verzichten müssen. So lassen Sie mich lediglich sachlich sagen, was ich auch im Vorstand schon vorbrachte: Ich bin in dieser Aufgabe vollständig aufgegangen. Ich habe mich für die Musik lokalhistorisch, programmatisch und kulturpolitisch, (2x auch musisch als Sprecher), an geeigneter Stelle eingebracht, um den Rang des ältesten Musikbades Deutschlands zu behaupten. So habe ich meine Aufgabe gesehen, und so übergebe ich nun ein gepflegtes Instrument, das gut gestimmt ist. Darauf lassen sich jetzt auch ganz andere, neue Melodien spielen. Insgesamt ist die Kulturstiftung jedenfalls am heutigen Tage in einer geachteteren und gesicherteren Position als bei ihrer Gründung 2003.

Ich erlaube mir aber doch, auf nur ein einziges grundsätzliches Stilmerkmal meiner Amtszeit aufmerksam zu machen, auf das ich immer Wert gelegt habe: Ich habe Sie nie mit Mitteilungen von jener Art gefüttert, wie sie täglich auf der Lokalseite der Pyrmonter Nachrichten zu finden sind. Da äußern sich nämlich Protagonisten aller Art in ewiger Wiederkehr so: „Man könnte, man sollte, man müsste...“ Seite um Seite wird damit Tag für Tag gefüllt. Ich bin dagegen aber froh darüber, dass all’ das, was ich angekündigt habe, auch ausgeführt worden ist. Ja, darüber hinaus ist vieles durchgeführt worden, was gar nicht angekündigt und in kühnsten Träumen nicht zu erwarten war.

Ich habe seit langem darüber intensiv nachgedacht, wer in der jetzigen Situation als neuer Vorsitzender wünschenswert wäre. Der Name von Prof. Becker-Foss stand schon seit Jahren auf dieser Liste und damit quasi ungefragt unter Beobachtung, die Namen von Frau Lucadei und Herrn Walsch sind in diesem Jahr dazu gekommen. Und es erfüllt mich mit ganz großer Freude, dass ich Sie alle „anstiften“ konnte, den Ruf zu erhören und damit als jetzt „Berufene“ zu wirken. Durch den in unserer Region weitbekannten Vorsitzenden wird unüberseh- und -hörbar das musikalisch-künstlerisches Gewicht verstärkt, Herr Walsch hat bereits seit langem unsere Stiftungsgelder bei der SSK verwaltet und Frau Lucadei ist als Schriftführerin des Museumsvereins ebenfalls erfahren. Ich gratuliere Ihnen allen zu dieser Wahl und wünsche Ihnen eine erfüllte Zeit mit den bereits vorhandenen und weiter verbleibenden Vorstandsmitgliedern. Dazu werde auch ich gehören, weil ich nämlich noch das eingangs erwähnte Amt des Stifterrepräsentanten,  d. h. des Vertreters aller Stifter-Interessen, satzungsgemäß sogar lebenslang, wahrnehmen kann und damit noch in Ihrer Nähe bleibe.

Und nun ist es auch höchste Zeit, um noch ein letztes Mal meinem Vorstand Dank zu sagen und ein hohes Lied auf die schöne, ungetrübte Zusammenarbeit anzustimmen! Vor allem auf meinen Stellvertreter, Herrn Mehring und auf die bisherige Schriftführerin, Frau Schauer, die beide als einzige seit zwölf Jahren noch mit von der Partie sind, aber auch auf die drei erlebten Bürgermeister und z.B. auf Herrn Fritz, der sich aus persönlicher Verbundenheit mir gegenüber in diesem Jahr verpflichtete, als Schatzmeister zu amtieren. Es war insgesamt eine unfallfreie, harmonische Zusammenarbeit, es war eine Zeit, die uns alle wohl menschlich und geistig bereichert hat. Ich danke Ihnen!  

 

Klassik als Droge

Ich gehe aber nicht von der Bühne, ohne Sie zum Schluss eindringlich zu warnen! Ich habe es am eigenen Leib erfahren und durch die heftigen Reaktionen des Publikums zum Thema Sinfoniekonzerte ist die Situation auch öffentlich so akut geworden, dass ich nicht länger schweigen kann: Klassische Musik ist offensichtlich eine hochgefährliche Sache, wer sie hört, wird fast zwangsläufig süchtig, und wer unfreiwillig ruhiggestellt wird, der erleidet bösartige Entzugserscheinungen. Man kann das auch nicht wirklich mit Kolophonium therapieren. Das Abenteuer Musik fasziniert die Leute derartig, dass sie zu geregelter Lebensweise oft nicht mehr fähig sind. In Bad Pyrmont sind bereits typische Befunde diagnostiziert worden: Der klassische „Morbus Musicus“ verläuft meist sehr dramatisch, kein geringerer als Leo Tolstoi hat das in seiner Novelle „Die Kreutzersonate“ ganz schonungslos aufgezeichnet. Er schildert die „Symptome“ folgendermaßen:

„Sie spielten Beethovens Kreutzersonate“, so beginnt der Hauptakteur in einer Gesellschaft zu sprechen, „kennen Sie das erste Presto? Kennen Sie es? Oh!“ schreit er, „Oh, oh! Was für einen furchtbares Ding, diese Sonate, und zwar gerade dieser Teil! Und überhaupt die Musik – was für eine entsetzliche Sache! Was tut sie? Und warum tut sie eben das, was sie tut? Es heißt, die Musik erhebe die Seele – Unsinn, Lüge! Sie wirkt überaus stark, gewiss – ich spreche von mir –, doch von einer seelischen Erhebung ist bei ihrer Wirkung nicht im geringsten die Rede; sie wirkt auf die Seele weder erhebend noch niederdrückend, sondern erregend.

Wie soll ich es Ihnen sagen? Die Musik zwingt mich, mich selbst und das, was meine Wirklichkeit ist, zu vergessen, sie versetzt mich in eine andere Wirklichkeit, die nicht die meine ist; ich habe unter dem Einfluss der Musik den Eindruck, dass ich etwas fühle, was ich im Grunde genommen gar nicht fühle, etwas begreife, was ich nicht begreife, etwas vermag, was ich nicht vermag. ...

Die Musik versetzt mich plötzlich, unmittelbar in jenen seelischen Zustand, in dem sich der Urheber der Musik befunden hat. Unsere Seelen verschmelzen, und ich schwebe mit ihm zusammen aus dem einen  Zustand in den anderen hinüber. Warum ich das tue, weiß ich freilich nicht. ... Wie kann man zulassen, dass jeder beliebige Mensch seinen Nächsten – oder auch eine ganze Gesellschaft – hypnotisiert, um dann mit ihnen zu machen, was er will? Wie kann man vor allem zulassen, dass jeder beliebige unsittliche Mensch sich so als Hypnotiseur betätigt? ...

Nehmen wir beispielsweise eben jene Kreutzersonate, das erste Presto – darf man von Rechts wegen dieses Presto im Salon inmitten de­kolletierter Damen spielen, die hinterher Beifall klatschen, Gefrorenes essen und über die letzte Skandalgeschichte plaudern? ... Auf mich wenigstens übte dieses Stück eine furchtbare Wirkung aus: Es war mir, als ob sich mir neue Gefühlswelten, neue Möglichkeiten eröffneten, von denen ich bisher keine Ahnung hatte. ... Was das Neue war, dass ich erkannt hatte, davon vermochte ich mir noch keine Rechenschaft zu geben, doch das Bewusstsein dieses neuen Zustandes war von außerordentlicher Art. Alle Menschen ringsum erschienen mir in einem völlig neuen Licht.“ (S. 90f)

Ja, liebe Klassik-Junkies, das sind diese erregenden Anzeichen, die weithin bekannt sind, die aber immer noch nicht alle Pyrmonter erkannt haben! Klassische Musik ist nämlich in der Lage, die Psyche des Menschen tatsächlich von Grund auf zu verwandeln. Damit fällt sie eigentlich schon in die Zuständigkeit der Drogenbeauftragten der Bundesregierung. Die ist klar gegen das Kiffen von Cannabis – o. k.! Ich aber fordere entschieden die Freigabe all’ jener z. B. von Tolstoi geschilderten rauschhaften psycho-aktiven „musikalischen Joints“, um sie in unserem endlich feuerfesten Konzerthaus weiterhin inhalieren zu können! Und zwar auf Lunge! Denn wie meine Frau schon immer zu mir sagte: „Zuviel des Guten kann wunderbar sein!“ Yeah!